1993 ENDZEITSTIMMUNG - DÜSTERE BILDER IN GOLDENER ZEIT Das Gewaltthema und das Thema "der als Opfer" setzten sich
von Beckmanns früher Arbeit von 1907 bis zum heutigen Tag fort.
Bei Bruce Naumann, Marcel Odenbach, Jeff Wall und Gottfried Helnwein
wandeln sich zwar die künstlerischen Mittel radikal, nicht aber
das Thema selbst. GOTTFRIED HELNWEIN In einem ersten Komplex setzt Helnwein sich mit sich selbst als Künstler
auseinander. Der bandagierte Mensch, mit chirurgischen Instrumenten gefoltert,
schreit seine Qualen hinaus. Er leidet unendlich. Er leidet sogar so
sehr, daß
sein Schrei Glas zum zerspringen bringt, wie im bekannten fotorealistischen
Gemälde Blackout von 1982, das zum "Markenzeichen" Helnweins
wurde. Helnwein zeichnet das Künstlerportrait eines auf Leiden reduzierten
Menschen. Damit steht er in der spätmittelalterlichen Tradition
des Schmerzmannes. Helnwein geht einen Schritt weiter als Nauman, dessen
Video Clown-Folter den Künstler als lächelnden Narren der Welt
portraitiert. Es geht Helnwein nicht nur um sich selbst als Außenseiter
der Gesellschaft. Der Künstler als Märtyrer, so heißt
es bei Peter Gorsen, erhalte eine zentrale Bedeutung in Helnweins Werk,
weil es zur Projektionsfläche des Weltgeschehens wurde. Zum autobiographischen
Gehalt seines Selbstportraits sagte der Künstler in einem Interview: "Damit
meine ich überhaupt nicht mich, sondern ich nehme mich, weil ich
jederzeit als Modell verfügbar bin: Was ich meine, ist einfach einen
'Menschen'." Von diesem handeln die Selbstbildnisse - vom leidenden,
verletzten, unterworfenen, gefolterten Menschen, dem nur noch der verzweifelte
Schrei bleibt. Über seine Seele verfügt er nicht mehr.
In einem ersten Komplex setzt Helnwein sich mit sich selbst als Künstler auseinander. Der bandagierte Mensch, mit chirurgischen Instrumenten gefoltert, schreit seine Qualen hinaus. Er leidet unendlich. Er leidet sogar so sehr, daß sein Schrei Glas zum zerspringen bringt, wie im bekannten fotorealistischen Gemälde Blackout von 1982, das zum "Markenzeichen" Helnweins wurde. Helnwein zeichnet das Künstlerportrait eines auf Leiden reduzierten Menschen. Damit steht er in der spätmittelalterlichen Tradition des Schmerzmannes. Helnwein geht einen Schritt weiter als Nauman, dessen Video Clown-Folter den Künstler als lächelnden Narren der Welt portraitiert. Es geht Helnwein nicht nur um sich selbst als Außenseiter der Gesellschaft. Der Künstler als Märtyrer, so heißt es bei Peter Gorsen, erhalte eine zentrale Bedeutung in Helnweins Werk, weil es zur Projektionsfläche des Weltgeschehens wurde. Zum autobiographischen Gehalt seines Selbstportraits sagte der Künstler in einem Interview: "Damit meine ich überhaupt nicht mich, sondern ich nehme mich, weil ich jederzeit als Modell verfügbar bin: Was ich meine, ist einfach einen 'Menschen'." Von diesem handeln die Selbstbildnisse - vom leidenden, verletzten, unterworfenen, gefolterten Menschen, dem nur noch der verzweifelte Schrei bleibt. Über seine Seele verfügt er nicht mehr. In einem zweiten Komplex tritt Helnwein seit den frühen siebziger Jahren mit Vehemenz für die Rechte des Kindes ein. Das Kind ist Helnweins Märtyrerfigur. Wie der Erwachsene wird auch das Kind der Gnadenlosigkeit der Mitmenschen unterworfen. Chirurgische Instrumente fesseln es, Narben ziehen sich über sein Gesicht - ein Motiv, das Helnwein seit den siebziger Jahren immer wieder aufgriff. Der Unmensch - der in den Kinderfotos und Kinderbildnissen immer unsichtbar bleibt - nimmt früh Besitz von der Kinderseele, macht sie gefügig und bricht sie. Der abwesende Gewalttäter verkündet seine Präsenz, in dem der Betrachter das Ergebnis der Unmenschlichkeit sieht. Keine helfende Hand, ebenso wenig für die Erwachsenen, regt sich. Kind und Erwachsener sind Metaphern für den Menschen, dem niemand beisteht. Einzig der Funke der Transzendenz und der Reinheit widersteht der Gewalt. Man findet ihn bei den Kindern, deren Kopf ein Strahlenkreuz umgibt wie einen Heiligenschein. Um so schwerer wiegen die Verbrechen, wenn sie an Wesen, die sich nicht wehren können, verübt werden: der Künstler als postmoderner Christus, das Kind in seiner ahnungslosen Göttlichkeit. Mit diesen beiden, in sich tausendfach abgewandelten Komplexen vermittelt der Künstler eine Botschaft, wie sie eindringlicher nicht sein könnte. Eine ganz andere, ebenso erschütternde Kraft spricht aus vielen Fotoportraits Helnweins, meist von Persönlichkeiten im kulturellen Sektor. Gerade die Idole der Massen und der Medien tragen in sich die Zeichen des Verfalls. Warhols ungesunde, pickelübersäte Haut scheint, wächsern und beinahe durchsichtig, den Tod zu antizipieren. Lech Walesas feistes Gesicht strotzt vor Selbstzufriedenheit. Arno Breker lugt - mit Recht - mißtrauisch in die Kameralinse. Das Gesicht des Schriftstellers und notorischen Säufers Charles Bukowski ist nichts anderes als ein Schlachtfeld. Helnwein läßt in seinen Fotoportraits Prominenter eine mißlungene Parade der Eitelkeiten vorbeidefilieren; nicht um sensationalistisch zu entlarven, sondern um Erkenntnis und Selbsterkenntnis zu ermöglichen. In den Worten von William S. Burroughs: Er zeigt dem Betrachter "was er weiß, von dem er aber nicht weiß, daß er es weiß. Helnwein ist ein Meister dieses überraschten Erkennens". In der Serie der Fotoportraits läßt sich noch am ehesten eine positive Botschaft des Künstlers erahnen: mögliche Selbsterkenntnis als Weg zur inneren Wandlung. Daß er sie für realistisch hält, möchte man jedoch angesichts von Helnweins Gesamtwerk kaum annehmen. Ein an die Monstren Christa Nähers erinnerndes Wesen faßt Helnweins Menschenbild zusammen. Das Gesicht im Gemälde Feuermensch verströmt Bösartigkeit, Tod und Verderben. Man könnte dieses Wesen als Verkörperung der latenten Aggression des Menschen, seiner unberechenbaren, tödlichen Energie interpretieren. Der Feuermensch lauert auf sein Opfer, er duckt sich zum Sprung. Endlich bekommen wir den Triebtäter zu Gesicht. In der Serie der Fotoportraits läßt sich noch am ehesten eine positive Botschaft des Künstlers erahnen: mögliche Selbsterkenntnis als Weg zur inneren Wandlung. Daß er sie für realistisch hält, möchte man jedoch angesichts von Helnweins Gesamtwerk kaum annehmen. Ein an die Monstren Christa Nähers erinnerndes Wesen faßt Helnweins Menschenbild zusammen. Das Gesicht im Gemälde Feuermensch verströmt Bösartigkeit, Tod und Verderben. Man könnte dieses Wesen als Verkörperung der latenten Aggression des Menschen, seiner unberechenbaren, tödlichen Energie interpretieren. Der Feuermensch lauert auf sein Opfer, er duckt sich zum Sprung. Endlich bekommen wir den Triebtäter zu Gesicht.
Fire-Man 1991 192 cm x 150 cm mixed media
Gregory Fuller, Du Mont, Cologne, 1994 Düstere Bilder in goldener Zeit Das Gewaltthema und das Thema "der als Opfer" setzten sich von Beckmanns früher Arbeit von 1907 bis zum heutigen Tag fort. Bei Bruce Naumann, Marcel Odenbach, Jeff Wall und Gottfried Helnwein wandeln sich zwar die künstlerischen Mittel radikal, nicht aber das Thema selbst. |